The first leftovers of the night
Ahhh, Nina Persson. Schon die Erwähnung des Namens der Cardigans-Frontfrau bringt manche Indiepopliebhaber zum Verzücken, umso größer war die Freude, dass nach dem Fast-Split der Band nach der Veröffentlichung von “Gran Turismo” niemand auf ihre Stimme während der fünfjährigen Bandpause verzichten musste. Als Soloalbum konzipiert, entdeckt Persson den Folk in warmen Gitarrenklängen mit Streichern und bettet dabei das obligatorische Folkinstrument überhaupt, die Mundharmonika, ein.
Waren die ersten Alben der Cardigans noch von ironischen Texten in zuckersüßer Retrostimmfarbe geprägt, arbeitete Persson mit den Jahren an ihrem Stimmvolumen, sodass manch einer beim Hören ihres Soloalbums geradezu in jeder Pore spürt wie ihre Songs den ganzen Raum mit einem warmherzigen Klang ausfüllt. Geblieben sind die bittersüßen Lyrics über die Schattenseiten der Liebe oder der Sehnsucht nach dieser. Die Erkenntnis, dass man sie weder mit monetären Mitteln erlangen kann (“Somebody told me cash is the king” in dem selbsterklärenden Song “I can buy you”) noch dass man das durch die Platte ziehende Motiv der Einsamkeit bekämpfen kann und anstelle dessen resigniert, hinterlässt einen beinahe Tränen in den Augen. Als “Frequent flyer” wird das eigene Selbstbild nicht verschont (“I’m a frequent flyer, a notorious liar, but I can’t get close enough”), und doch bleibt das Verlangen nach einer Stütze. Den gesuchten Halt hingegen wird in Unkenntnis über die Vorstellungen des eigenen Lebens in “Angel of sadness” gefunden, der letztendlich das Alleinsein personifiziert und mit dem “Rock’n’ roll ghost”, einem weiteren mystischen Motiv, feiert sie das Verlassensein.
Einzig der “Song for the leftovers” gestattet einen kleinen Lichtblick, auch wenn es der Titel anders vermuten lässt. Lichtblick nach der Perssonchen Vorstellung wohlgemerkt, die auch hierbei ihre Affinität zur Verschlossenheit und Resignation nicht außer Acht lässt, entspricht doch der vermeintliche Seelenverwandte nicht ihrem Ideal (“You’re not what I was after”), jedoch bleibt sie bei diesem um nicht wieder die tristen Momente zu spüren und will hierbei einen neuen Anfang gestalten (“But I’m happy what I found. To dream of the new beginnings when the end is all around”). In der Klarheit des Songs mit dem wohlig-warmen Arrangement, in der die sanften Cellos den Ausdruck einer imaginären Vorstellung einer Begegnung zweier Menschen an einem abgeschiedenen Ort in pechschwarzen Nacht zu Tage bringt, entweicht einem ein seliger Seufzer, denn allen Hindernissen zum Trotz: “Everything is alright now.”
Dass Persson nicht unterschätzt werden sollte und man der vorschnellen Überlegung daher nicht kundtun sollte, ihr Anliegen sei es den Hörer in einem verträumten Zustand dazulassen, ist an den PJ-Harveyesken Songs “Hard as a stone” und “The oddness of the lord” zu entnehmen. Etwas zu ambitioniert und angestrengt lässt sie ihre Wut und Eifersucht raus und gibt ungewohnt härtere Ausdrücke von sich (“I’ve tried to crack you [...] I told you a lot of lies just to get laid”), lässt sich doch schnell erahnen, dass es sich nicht um einen Akt der verschmähten Liebe handelt, sondern um puren Egoismus.
Sei es Einsamkeit, Sehnsucht oder Rausch in “Such a bad comedown” (“Your powder is what remains, you know I never had such a bad, bad comedown”), eines haben alle Songs gemeinsam: Sie dienen zum Träumen vor einem imaginären Kamin im Raum, vor dem man sich mit einem Glas Rotwein in der Hand erwärmt und dabei den Klängen lauscht. Tristesse, Wärme und Schuld in sanften Klängen: Wenn es so etwas wie eine Herbstplatte geben sollte, so hat Persson diese fast perfektioniert.
8/10
Einsortiert unter: Britpop
Sunshine in the glory skies
Das schwierige zweite Album. Schon bevor die New-Wave-Ära in Großbritannien 2005 anfing und gefühlte 437 britische Nachwuchsbands wie Pilze aus dem Boden schossen, um erfrischend-tanzbare Platten herausbrachten, nur um zwei Jahre später der Hürde entgegensahen mit ihrem zweiten Album die Kritiker und Fans zu überzeugen um sich nicht als Eintagsfliege zu entpuppen, mussten sich etliche andere Bands diesem Druck aussetzen. Starsailor lieferten mit ihrem Debüt “Love is here” eines der hinreißend schönsten Alben 2001 und ließen entzückte Hörer in diesem Rausch aus intensiver Melancholie schwelgen.
Die inoffizielle Regel, dass das zweite Album oftmals auch Ausdruck eines bewussten oder unbewussten Stilwechsels – man will ja keine bloße Kopie des Debüts fabrizieren – ist, wurde von den Briten befolgt, wie es gleich der schmissige Opener “Music was saved” unter Beweis stellte. Beschwingt singt Walsh “One two three she’s riding up to heaven, four five six I’m wired up to eleven, the rushes were made and music was saved”, gepaart mit einem Wooohooohooo-Echo, und man kratzt sich am Kopf, ob man die richtige CD eingelegt hat. Starsailor als Frohnature? Doch angesichts der charismatische Stimme Walshs, kann man sich derer sicher sein: Jawohl, auch die von Schwermut gekennzeichneten “Good Souls” Starsailor haben die Lebensfreude entdeckt. Ihr Image als Berufsmelancholiker hin oder her, wenn alle Stücke so gut klingen wie “Music was saved”, warum sollen sie nicht Freude auf der ganzen Welt verbreiten?
Wie ein roter Faden zieht sich das neue Lebensgefühl in der Musik durch die Platte, entsprechend wurde das Arrangement aufgestockt, fanden sich doch üppige Streicher ihren Weg ins Studio um ihren Ausdruck zu vermitteln. Das etwas verkitschte “Telling them” konnten sie leider nicht aus der Belanglosigkeit retten, hingegen passten sie sich dem wie für Stadionkonzerte angepasste “Bring my love” perfekt an. Live wäre dieser Song angesichts des dramatischen Anfangs und den etwas pathetischen Lyrics mit Sicherheit ein Ereignis. “Four to the floor” lebt geradezu von den Streichern und zeigt, dass auch mit diesen Instrumenten sich tanzbare Stücke jenseits des Walzers kreieren lassen.
Mit “Silence is easy” (“Silence is easy, it just becomes me, you don’t even know me, all lie about me”) und dem hypnotischen, mit minimalistischen Lyrics ausgestattetem “Shark food” (“We’re shooting from the heart, and if we get it wrong, they’ll feed us to the sharks”) bekommen auch die immerzu beliebten britischen Medien ihr Fett weg, und erweisen sich nebenbei als zu den stärksten Songs der Platte.
Es liegt nicht an dem Stilwechsel, die das Zweitwerk weniger intensiv anmuten lässt als das Debüt, vielmehr erzeugt die auf Perfektion gerichtete Produktion eine seltsame Unberührtheit, so plätschern insbesondere die Balladen vor sich hin und man ist geneigt die Skiptaste zu betätigen ehe die Langweile noch einem selbst ergreift. Phil je-bombastischer-der-Sound-desto-besser Spector produzierte zwei Songs des Albums, hielt er sich in “Silence is easy” noch mit seiner Überproduziertheit zurück, wünschte man sich, dass er von “White dove” lieber seine Hände gelassen hätte. Auch in “Born again” und “Restless heart” war von der Phil-Spectorisierung zu spüren, ungeachtet der Tatsache, dass er jene Songs nicht produzierte, aber sein Einfluss die gesamte Platte prägen. Mehr ist eben nicht immer mehr.
6/10
Einsortiert unter: Singer-Songwriter
Turn out the lights
Die Schweden sind ein seltsames Volk. Fast schon kontradiktisch existieren im kalten Norden einerseits zahlreiche – salopp gesagt – Schrammelbands wie In Flames, The Hives, Opeth und nicht zu vergessen, als “schwedische Musik” berühmt-berüchtigte Hardcore- und Metalbands, andererseits auch Singer-Songwriters mit ihrem zarten Gitarrenspiel und zerbrechlich-leisen Gesang das Klischee des einsamen Schwedens in einer Holzhütte bedienen. Klischeehaft ist auch das Cover von “Somebody Outside”, die nordische Sonne versteckt sich hinter einer großen Wolkenfläche und lässt einem nur die Silhouette von Anna Ternheim erkennen.
Das reduzierte Arrangements, die den Gesang in den Vordergrund stellt, vermittelt tatsächlich den Eindruck, als habe Ternheim die Platte in einer Holzhütte in Nordschweden innerhalb kurzer Zeit während der Winterzeit aufgenommen. Mit der Produktion verhält es sich wie mit dem Arrangements: Roh, ungeschliffen und von jeglicher Hochpolitur fern, die mit den den klaren Lyrics über das Verlassenseins, den heimlichen unerreichten Wünschen und der Wahrnehmung des eigenen Scheiterns Hand in Hand geht, macht die Platte zu einem homogenen Werk. Angefangen von den stetig wiederholenden Versen in “To be gone” (“Leave the body, leave the mind, every promise every place behind”) über Eskapismus hin zu der Eingestehung der eigenen Fehler, doch der Unfähigkeit etwas gegen diese zu tun in “I’ll follow you tonight”, der unerwiderten Liebe gekoppelt mit einem französischen Refrain in “A French love” (“I’m bound to fall in love with the one qui ne m’aime pas”) bis hin zu dem Abschluss “Shoreline” über den Verlust der eigenen Naivität und der Träume um in der zynischen Welt des Erwachsenseins zu überleben (“Oh this town kills you when you are young”).
Wer es ganz rustikal mag, dem sei die Naked-Version-CD auf der limitierten Version als Schweden-Import zu empfehlen, nicht nur erkennt man den Jazzhintergrund, der in den normales Versionen ab und an zu erkennen ist, insbesonders im Opener “To be gone”, sondern bringt durch die spärliche Instrumentenbegleitung dem Hörer das einsame Holzhütten-Gefühl direkt ins warme Haus vorbei. Spätestens wenn es ihm genauso geht wie dem Protagonisten aus “I say no”: “But the sadness in your eyes won’t go away. It becomes you, in a strange kind of way.”
8/10