Platten. Gigs. Rob Gordons Passion.


A Camp – A Camp
Oktober 19, 2008, 11:03 vormittags
Einsortiert unter: Indiepop, Singer-Songwriter

The first leftovers of the night
Ahhh, Nina Persson. Schon die Erwähnung des Namens der Cardigans-Frontfrau bringt manche Indiepopliebhaber zum Verzücken, umso größer war die Freude, dass nach dem Fast-Split der Band nach der Veröffentlichung von “Gran Turismo” niemand auf ihre Stimme während der fünfjährigen Bandpause verzichten musste. Als Soloalbum konzipiert, entdeckt Persson den Folk in warmen Gitarrenklängen mit Streichern und bettet dabei das obligatorische Folkinstrument überhaupt, die Mundharmonika, ein.
Waren die ersten Alben der Cardigans noch von ironischen Texten in zuckersüßer Retrostimmfarbe geprägt, arbeitete Persson mit den Jahren an ihrem Stimmvolumen, sodass manch einer beim Hören ihres Soloalbums geradezu in jeder Pore spürt wie ihre Songs den ganzen Raum mit einem warmherzigen Klang ausfüllt. Geblieben sind die bittersüßen Lyrics über die Schattenseiten der Liebe oder der Sehnsucht nach dieser. Die Erkenntnis, dass man sie weder mit monetären Mitteln erlangen kann (“Somebody told me cash is the king” in dem selbsterklärenden Song “I can buy you”) noch dass man das durch die Platte ziehende Motiv der Einsamkeit bekämpfen kann und anstelle dessen resigniert, hinterlässt einen beinahe Tränen in den Augen. Als “Frequent flyer” wird das eigene Selbstbild nicht verschont (“I’m a frequent flyer, a notorious liar, but I can’t get close enough”), und doch bleibt das Verlangen nach einer Stütze. Den gesuchten Halt hingegen wird in Unkenntnis über die Vorstellungen des eigenen Lebens in “Angel of sadness” gefunden, der letztendlich das Alleinsein personifiziert und mit dem “Rock’n’ roll ghost”, einem weiteren mystischen Motiv, feiert sie das Verlassensein.
Einzig der “Song for the leftovers” gestattet einen kleinen Lichtblick, auch wenn es der Titel anders vermuten lässt. Lichtblick nach der Perssonchen Vorstellung wohlgemerkt, die auch hierbei ihre Affinität zur Verschlossenheit und Resignation nicht außer Acht lässt, entspricht doch der vermeintliche Seelenverwandte nicht ihrem Ideal (“You’re not what I was after”), jedoch bleibt sie bei diesem um nicht wieder die tristen Momente zu spüren und will hierbei einen neuen Anfang gestalten (“But I’m happy what I found. To dream of the new beginnings when the end is all around”). In der Klarheit des Songs mit dem wohlig-warmen Arrangement, in der die sanften Cellos den Ausdruck einer imaginären Vorstellung einer Begegnung zweier Menschen an einem abgeschiedenen Ort in pechschwarzen Nacht zu Tage bringt, entweicht einem ein seliger Seufzer, denn allen Hindernissen zum Trotz: “Everything is alright now.”
Dass Persson nicht unterschätzt werden sollte und man der vorschnellen Überlegung daher nicht kundtun sollte, ihr Anliegen sei es den Hörer in einem verträumten Zustand dazulassen, ist an den PJ-Harveyesken Songs “Hard as a stone” und “The oddness of the lord” zu entnehmen. Etwas zu ambitioniert und angestrengt lässt sie ihre Wut und Eifersucht raus und gibt ungewohnt härtere Ausdrücke von sich (“I’ve tried to crack you [...] I told you a lot of lies just to get laid”), lässt sich doch schnell erahnen, dass es sich nicht um einen Akt der verschmähten Liebe handelt, sondern um puren Egoismus.
Sei es Einsamkeit, Sehnsucht oder Rausch in “Such a bad comedown” (“Your powder is what remains, you know I never had such a bad, bad comedown”), eines haben alle Songs gemeinsam: Sie dienen zum Träumen vor einem imaginären Kamin im Raum, vor dem man sich mit einem Glas Rotwein in der Hand erwärmt und dabei den Klängen lauscht. Tristesse, Wärme und Schuld in sanften Klängen: Wenn es so etwas wie eine Herbstplatte geben sollte, so hat Persson diese fast perfektioniert.

8/10

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